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Überblick

Georg Benoit hatte im Jahre 1901 an der Technischen Hochschule Karlsruhe den Lehrstuhl für Hebe- und Transportmaschinen gegründet - den weltweit ersten seiner Art. Nach zweimaliger Änderung des Namens kann das heutige Institut für Fördertechnik und Logistiksysteme im Jahre 2001 somit auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken. Nicht nur der Institutsname, sondern auch die Schwerpunkte in Forschung und Lehre wurden der industriellen Entwicklung jeweils zeitgerecht angepaßt. Dafür haben die stets engen Verbindungen zwischen dem Institut, der Industrie und den Fachverbänden gesorgt. Die fortschrittliche Ausrichtung war andererseits eine wesentliche Voraussetzung für diese Verbindungen und für die hohe Akzeptanz der Beiträge des Instituts zu anwendungs und grundlagenorientierten Forschungsarbeiten sowie zur Ausbildung des akademischen Nachwuchses für Industrie und Wissenschaft. 

  

Gegenwart und Ausblick

Im Jahr 2003 übernahm Kai Furmans zuächst den von der Detlef-Hübner-Stiftung gestifteten Lehrstuhl für Logistik und nach dem Abschied von Professor Arnold im Jahr 2005 zusätzlich die Leitung des IFL. Aufbauend auf Erfahrungen seiner industriellen Tätigkeit wurden von Prof. Furmans die Arbeitsgebiete Distributionslogistik und Produktionslogistik intensiviert. In der Distributionslogistik mit den Schwerpunkten Analyse und Planung von Distributionszentren sowie dem Zusammenhang zwischen Logistik und Verkehr, in der Produktionslogistik im Kontext des "Lean Manufacturing", die sowohl mit mathematischen Methoden analysiert als auch mit Hilfe von Planspielen verständlich gemacht werden soll. Methodisch wird durchgängig auf Simulation, Optimierungsverfahren des Operations Research und analytischen Modellen aufgebaut.

Nach Prof. Arnolds Ausscheiden in den Ruhestand im Jahr 2005 wurde das Arbeitsgebiet der Fördertechnik, unter Beibehaltung der bisherigen Arbeitsgebiete "Schwingungsverhalten von Fördertechnischen Systemen" und "Sortiersystemen", neu ausgerichtet. Hinzu kommen Untersuchungen zum Einsatz neuartiger Materialien für den Bau förder- und lagertechnischer Geräte sowie von hochflexiblen, dezentral gesteuerten Materialflusssystemen.

Beide Gebiete sind recht neu, wir hoffen, dass Sie über kurz oder lang hier noch viele interessante Neuigkeiten darüber lesen werden.

Der Umzug

Seit dem Jahr 2000 befindet sich das "Institut für Fördertechnik und Logistiksysteme (IFL)" unter dem Namen, den es 1997 mit konsequentem Bezug zu den Schwerpunkten seiner Arbeit angenommen hat, in einem neuen, großzügig gestalteten eigenen Gebäude. Anläßlich der feierlichen Übergabe am 19. Mai 2000 erklärte der Rektor der Universität Karlsruhe, Prof. Wittig: "Seit der Gründung als "Lehrstuhl für Hebemaschinen und Transportanlagen" unter dem geheimen Hofrat Prof. Dr.-Ing. E.h. Georg Benoit im Jahre 1901 haben sich Lehr- und Forschungsaufgaben, der Entwicklung und den Notwendigkeiten in der Industrie folgend, zur Fördertechnik und zu modernen Logistiksystemen hin entwickelt. Die enge Zusammenarbeit von Prof. Arnold mit der Industrie, aus der ein hoher Drittmittelanteil der Finanzierung seines Personals und seiner Arbeiten resultiert, erfordern moderne Labor- und Versuchsflächen". 

Konsolidierung

Im Sommer 1986 übernahm Dieter Arnold die Leitung des Instituts. Als Schüler Donandts hatte er nach dessen plötzlichem Tod seine Dissertation als erster Doktorand von Prof. Bahke abgeschlossen und danach während 16 Jahren im fördertechnischen Anlagenbau Industrieerfahrungen in der Konstruktion und in der Projektierung gesammelt. Nach 1986 wurde die Institutsarbeit, neben dem Bereich Strömungsfördertechnik, auf drei weitere Kernbereiche konzentriert. Im ersten Kernbereich wird seither die unter Prof. Bahke begonnene Beschäftigung mit den Eigenschaften von inner- und außer-betrieblichen Logistiksystemen vertieft fortgesetzt. Leitgedanke ist dabei die Abbildung realer Systeme in formalen Modellen und die Lösung praktischer Probleme am Modell. So werden stochastische und nichtlineare Effekte transparent und ihre Parameterwirkungen auch einzeln analysierbar. Als Analysemethoden werden neben der ereignisdiskreten Simulation bevorzugt die am Institut entwickelten oder modifizierten Verfahren auf Basis der Warteschlangentheorie verwendet. Auf diesem Gebiet wurden besondere Forschungsleistungen bei der Modellierung von Logistiksystemen als Warteschlangen-Netzwerke erbracht; hervorzuheben sind die Veröffentlichungen und die zum Teil prämierten Dissertationen von R. Bryda, K. Furmans, M. Greiling, B. Rall und V. Dörrsam sowie die Habilitationsschrift von K. Furmans. Auf den Gebieten der Layoutplanung sowie der Lager- und Kommissioniersysteme wurde ebenfalls sehr intensiv und mit guten Ergebnissen gearbeitet. Motivation zu weiteren vertieften, von der DFG finanziell geförderten, Forschungen über Kommissionierstrategien gab in jüngster Zeit die hervorragende Dissertation von K. Alicke.

 

 
Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Dieter Arnold
Institutsleiter von 1986 bis 2005


Im zweiten Kernbereich der Institutsarbeit werden dynamische Probleme fördertechnischer Maschinen untersucht. Wichtigstes, seit 1988 intensiv bearbeitetes Thema ist hier die Forschung an Regalbediengeräten. Diese quasi fahrbaren Aufzüge stellen eine Fülle praxisrelevanter Probleme und sind darüber hinaus in ihren verschiedenen Bauarten hervorragende Objekte für die Lehre der Fördertechnik. Hier kommt fast alles vor, was den Maschinenbauingenieur in der Ausbildung interessieren muß: Statik, Dynamik, Antriebs- und Regelungstechnik, alle wichtigen Maschinenelemente sowie Fragestellungen zur Projektierung und zur Systemintegration in große Anlagen. Die Forschungen auf dem Gebiet der Regalbediengeräte konnten am Institut bislang nur im Modellmaßstab oder per Computersimulation durchgeführt werden. Seit Herbst 2000 besteht jetzt in der neuen Versuchshalle die Möglichkeit zu Experimenten an Baugruppen von Regalbediengeräten in Originalgröße und damit die Chance zur Validierung und Vertiefung jahrelanger Vorarbeiten, beispielsweise über die Wechselwirkungen zwischen der Mastschwingung, der Antriebssteuerung und den Übergabetoleranzen am Regalbediengerät. Wichtige Arbeitsergebnisse dazu enthalten die Dissertationen von M. Schumacher, R. Assmann und M. Dietzel. Auf einer im Bau befindlichen speziellen Versuchseinrichtung können künftig die Einflüsse der Parameter bei Fangbremsungen an Regalbediengeräten getestet und mit der Theorie verglichen werden.

 

         
Mehrkörpermodell eines Regalbediengerätes
zur Simulation dynamischer Effekte
  Bediensystemnetzwerk (Prinzip)    


Baugruppe eines Regalbediengerätes
in der neues Versuchshalle

Die Untersuchung dynamischer Probleme an fördertechnischen Maschinen schließt auch die Bewegungen der Fördergüter ein. Dazu werden in der neuen Versuchshalle an Hochleistungssortern in Originalgröße anwendungsnahe Effekte getestet, die einer theoretischen Behandlung nur sehr schwer zugänglich sind. Hierzu zählen u. a. die Übergabe, Ablage und Stapelung biegeschlaffer oder unregelmäßig geformter Fördergüter. Weil bei automatischen Förder- und Sortierprozessen regelmäßig auch Fragen der Codierung und der Identifikation zu lösen sind, hat sich ein dritter Kernbereich der Institutsarbeit in enger Kooperation mit den beiden erstgenannten gebildet. Seit 1988 werden experimentelle Untersuchungen an zahlreichen Identifikationssystemen mit optisch und elektronisch lesbaren Datenträgern unter betriebsnahen Bedingungen durchgeführt und das Zusammenwirken mit Anlagensteuerungen erprobt. In den Dissertationen von G. Hansen, A. Hüser, G. Reuter und P. Fery sind die grundlegenden geräte- und umgebungsspezifischen Einflüsse beim Identifizieren geklärt worden. Mit Hilfe spezieller Versuchsaufbauten können die Kommunikationsbereiche (s. Bild) beliebiger handelsüblicher Identifikationssysteme automatisch vermessen. Während der vergangenen 10 Jahre haben die Mitarbeiter des Instituts im Bereich der Identifikationstechnik mehr als 250 Unternehmen bei Projektierungs- und Applikationsfragen beraten - teilweise vom Land Baden-Württemberg finanziell gefördert.

 

Kommunikationsbereich eines RFID-Systems AEG - ID 200


Das 1967 in die Fördertechnik integrierte Lehr- und Forschungsgebiet Strömungs-Fördertechnik wurde unter der Leitung von M. Weber neu auf- und ausgebaut. Dieser vierte Kernbereich gewann durch viele erfolgreiche Forschungs- und Industrie-Projekte in Fachkreisen zunehmend weltweit Anerkennung. Die Arbeiten knüpften teils an die Methoden und Erkenntnisse von Prof. Barth an, teils wurden neue entwickelt, wobei die Themen sich im Wesentlichen auf zwei Bereiche konzentrierten.

 

 
Prof. Dr.-Ing. Manfred Weber
Leiter der Abteilung Strömungsfördertechnik von 1967 bis 2000


Der Bereich des Hydraulischen Feststofftransports einschließlich des Lufthebe-Transports stand zunächst durch aktuelles Interesse der Industrie und spektakuläre Projekte im Fordergrund. Die ersten großen Forschungsarbeiten führten im Braunkohletagebau "Fortuna" zu Groß-Experimenten mit Lufthebebohrgeräten, auf Grund deren die Berechnungs-Grundlagen für Wasser- und Feststoffförderung aus großen Tiefen nach diesem Prinzip realistischer und sicherer gestaltet werden konnten. Die Dissertationen von J. Rautenberg und M. Y. Dedegil sowie zahlreiche Veröffentlichungen zu diesem Thema von Dedegil und Weber führten zu weiteren grundlegenden und auch praxisnahen Arbeiten im Auftrag der DFG, des BMFT sowie von Anwendern des Lufthebeprinzips im Meeresbergbau.
Zum Pipelinetransport von Kohle und Erzen über größere Entfernungen wurden Grundlagenforschung betrieben sowie Wirtschaftlichkeits- und Machbarkeitsstudien durchgeführt. In diesem Zusammenhang sind die Dissertationen E.Gödde , G. Feldle, Kl. Wagner, Kl. Schade, H.-G. Scheurell und B. Zai entstanden. Im Laufe der Zeit haben sich die Schwerpunkte des Fachbereichs bei der hydraulischen Förderung mehr in die Richtung Rheologie entwickelt; d.h. zu hochviskosen und nicht-Newton'schen Feststoff-Fluidgemischen vor allem in der Bauindustrie.
Der pneumatische Feststofftransport war aufgrund der Barth'schen Tradition, die Weber bei der Integration in das Institut für Fördertechnik mitbrachte, stets ein Feld des besonderen Interesses, wie das Thema seiner prämierten Habilitation "Schallgeschwindigkeit und kritischer Strömungszustand in Gas-Feststoff-Gemischen" verrät.
Dieses pneumatische Förderprinzip hat wegen der geringen Dichte des gasförmigen Trägermediums und der Kompressibilität deutliche Leistungsgrenzen und bleibt deshalb auf innerbetriebliche Dimensionen beschränkt. Umso wichtiger waren hier besondere Anstrengungen in der Grundlagenforschung, um das Verständnis dieser sehr komplexen Gas-Feststoff-Strömung weiterzubringen und die halbempirischen Berechnungsgrundlagen zu verbessern. In Forschungsaufträgen der DFG und anderer Institutionen haben die Dissertationen von F. Rizk, N. Schauki, K.-H. Scholl, W. Stegmaier, D. Werner, G. Szikszay und B. Schade hier wichtige Beiträge geleistet. Stegmaier veröffentlichte erstmalig eine stoffübergreifende dimensionslose Regression für den wichtigen Feststoffreibungsbeiwert. Weber und Dedegil verbesserten das spezielle mehrdimensionale Regressionsverfahren, das von der Fachwelt vielfach übernommen wurde. In einem AIF-Vorhaben wurde hierfür eine Datenbank von ca. 6000 Mess-Datensätzen erarbeitet und zusammen mit entsprechenden stoffspezifischen und stoffübergreifenden Regressionsformeln zur Verfügung gestellt.

 

 
Lufthebebohrgerät als Großversuchsanlage
im Braunkohletagebau "Fortuna"
(max. Bohrtiefe 600m, Feststoffmenge bis 100t/h)

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß die Anzahl der Arbeitsthemen am Institut seit 1986 stark reduziert wurde. Die Zahl der Mitarbeiter ist jedoch die Gleiche geblieben. Daher wird in den drei neuen Kernbereichen seither enger zusammen gearbeitet. Auch der Wissensaustausch zwischen diesen Bereichen ist sehr intensiv, weil es viele fachliche Überschneidungen gibt.
In den siebziger Jahren hinzu gekommene neue Themen, wie z. B. Hafen- und Flughafentechnik, Axialkolbenmaschinen und Fördergurt wurden wieder aufgegeben, weil sie andernorts viel intensiver in Arbeit waren. Schwerer fiel der Verzicht auf die Fortsetzung der Drahtseilforschung, deren Wiege in Karlsruhe stand. Aber der notwendige Abschied wurde insofern erleichtert, als die Seilforschung inzwischen bei Prof. Klaus Feyrer, - einem ehemaligen Doktoranden von Prof. Donandt - an der TH Stuttgart mit bester Prüftechnik auf höchstem wissenschaftlichen Niveau betrieben wurde. Damit setzt Feyrer in Stuttgart fort, was Woernle als Schüler Benoits seinerzeit aus Karlsruhe dorthin übertrug.

Wachstum

Von 1966 bis 1986 leitete Erich Bahke das Institut für Fördertechnik. Mit den Erfahrungen aus seinen industriellen Tätigkeiten in Führungspositionen namhafter Fördertechnik-Unternehmen gab er die Impulse zu weiteren Arbeitsthemen am Institut. Beispielsweise kamen Untersuchungen an Fördergurten und Laschenketten zu der traditionell weitergeführten Drahtseilforschung hinzu. Außerdem wurde das viele Jahre von Prof. Barth geleitete Lehr- und Forschungsgebiet Strömungsfördertechnik mit seinen personellen sowie erheblichen räumlichen Ressourcen in der Westhochschule integriert und ab 1967 von Prof. Dr.-Ing. Manfred Weber als eigenständige Abteilung geleitet. Die unter Donandt begonnenen Aktivitäten im Bereich des Schüttguts wurden ergänzt durch Arbeiten zur Silotechnik, zur Auslegung von Erzmischbetten sowie durch experimentelle und praktische Erprobungen von Brunnenbohrmeißeln.

 
Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E. h. Erich Bahke
Institutsleiter von 1966 bis 1986


Daneben hatte man mit der experimentellen Untersuchung von Axialkolbenmaschinen begonnen, woraus 1984 die ausgezeichnete Doktorarbeit von W. Walzer entstand.
1975 wurde eine Abteilung "Neue Transporttechnologien" - ebenfalls mit Labor- und Arbeitsräumen - in der Westhochschule gebildet, die sich den zu jener Zeit propagierten vielfältigen Formen des Personen- und Gütertransports widmete. Zu nennen sind beispielsweise: Rohrbahnen, Magnetschwebebahnen, Kabinentaxis und - die von Bahke favorisierte - "Mehrzweck-Materialbahn" für den integrierten Transport von Personen, Containern und Schüttgut auf den selben Trassen. Für die meisten dieser Ideen war jedoch die Zeit noch nicht reif. Lediglich die Groß-Elektrohängebahn hat als Transportmittel beim Bau des Itaipu-Staudamms den Praxiseinsatz erlebt. In dem bemerkenswerten Buch "Transportsysteme heute und morgen" hat Bahke 1973 seine zukunftsweisenden Ideen veröffentlicht. Daraus könnte die Rohrbahn, mit der seinerzeit am Institut viel experimentiert wurde, für den Materialtransport jetzt eine Realisierungschance im Rahmen eines Pilotprojekts in Nordrhein-Westfalen haben.

Mehrzweck-Materialbahn aus E. Bahke: "Transportsysteme heute und morgen", 1973


Im Zuge der Arbeiten in der Abteilung "Neue Transporttechnologien" intensivierten sich zwangsläufig die Themengebiete Materialfluß und Logistik, die seit den siebziger Jahren zunehmend Bedeutung für Industrie und Handel erlangten. In diesen Rahmen ordnen sich z. B. die Dissertationen von F. Thomas, T. Rummert und R. Roth ein, die u. a. grundlegende Beiträge zur Anwendung der Simulationstechnik geliefert haben.
Nunmehr rückten auch die Umschlagplätze der Transportnetze von Bahn, Lkw, Schiff, Flugzeug, und schließlich auch das Innere der Fabriken, in den Fokus von Bahkes Aktivitäten.
Das Institut für Fördertechnik der TH Karlsruhe hatte sich damit in eine grundsätzlich neue Richtung entwickelt. Bahke´s Vorgänger pflegten, und zwar nahezu ausschließlich, den Konstruktionsaspekt der Fördertechnik, der nunmehr in den Hintergrund getreten war zu Gunsten einer übergeordneten, materialflußorientierten, logistischen Sicht. Die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter hat sich von 1966 bis 1986 etwa vervierfacht. Ferner hat unter Bahkes Leitung eine rege Veranstaltungstätigkeit mit Tagungen, Seminaren und Kongressen - wie der berühmten Transmatic - für eine Zunahme des Bekanntheitsgrades gesorgt, von dem das Institut bis heute profitiert.

Wiederaufbau

Das Institut war, wie viele andere Einrichtungen der Technischen Hochschule Karlsruhe, durch den Krieg fast ausgelöscht worden. Die gesamte Werkstatteinrichtung, die Modellsammlung, wertvolle Meßinstrumente und die umfangreiche Bibliothek waren verloren gegangen - teils in Bombenangriffen, teils durch Plünderung.

     
Prof. Dr.-Ing. Hermann Donandt
Institutsleiter von 1947 bis 1966
  Kriegsschäden am Institut


Im Jahre 1947 übernahm Hermann Donandt, ebenfalls ein Schüler Benoits, zunächst vertretungsweise den seit Kriegsende verwaisten Lehrstuhl und damit die schwere Aufgabe des Wiederaufbaus auf Trümmern. Seine Verbindungen zur Aufzugsindustrie, die Mitarbeit in den technischen Ausschüssen und die Entwicklung von Elektroflaschenzügen, der er sich jahrelang gewidmet hatte, prägten jetzt zunehmend die Institutstätigkeiten. Neben Arbeiten über Fangvorrichtungen, Treibscheiben und Hydraulikzylinder für Aufzüge wurde jedoch die Tradition auf dem Gebiet der Drahtseilforschung mit experimentellen und theoretischen Untersuchungen fortgesetzt. So hat z. B. Karl Schmidt in seiner viel beachteten Dissertation 1965 die Beanspruchung der Drahtseile bei Biegung infolge sekundärer Zugspannungen grundlegend geklärt.

    1: Einfülltrichter
2: Fallrohr
3: Krümmerrohr
4: Manschette
5: senkrechtes Förderrohr
6: Auslaufstutzen
7: 7 und 8 ortsfeste Gelenke
Senkrechtschwingförderer nach H. Donandt  


Im Jahre 1964 konnte das Institut für Fördertechnik erstmals einen großzügig bemessenen Neubau mit Versuchshalle, Werkstatt, Laborräumen und Büros für vier wissenschaftliche Mitarbeiter beziehen. Damit waren die kriegsbedingten Provisorien endgültig überwunden.
Unter Donandts Leitung wurden auch Sonderfragen der Schüttgutfördertechnik bearbeitet. Das Prinzip eines neuartigen Senkrechtschwingförderers, in den Dissertationen von K. Feyrer und D. Arnold eingehend untersucht, ist jedoch bislang nur von akademischem Interesse geblieben. Von großer praktischer Relevanz war dagegen die intensive Mitarbeit von Prof. Donandt und seinen damaligen Assistenten bei der Entwicklung der Aufzüge für den seinerzeit höchsten Fernsehturm der Welt in Moskau. Die Firma Stahl-Aufzugbau in Stuttgart, zu der Donandt enge Verbindungen unterhielt, (später Thyssen-Aufzüge) hatte unter der technischen Leitung von Donandts ehemaligem Doktoranden Karl Schmidt 1965 den Auftrag zum Bau dieser spektakulären Anlage erhalten, die im Grad ihrer Neuerungen und Risiken Benoits Seilbahnen durchaus ebenbürtig war. Mit einer Höhe von mehr als 500 m ist der Turm so lang, daß sich seine Spitze bei Sonneneinstrahlung infolge der einseitigen Erwärmung und Ausdehnung der Turmwand um ca. einen Meter von der wandernden Sonne wegneigt und erst nachts in seine Ausgangsposition zurückkehrt. Gleichfalls erhebliche Ausschläge waren zu erwarten, wenn der Turm vom Wind zu Biegeschwingungen angeregt wird, die Tragseile dann unter Belastung an die Auskleidung des Fahrschachtes anschlagen und mit einer Geschwindigkeit von 7 m/s dort schleifen. Hier öffnete sich Donandt nochmals ein weiteres Feld seiner Lieblingstätigkeit, für die er seine Studenten stets zu begeistern suchte und die auch das Thema seiner Abschiedsvorlesung im Januar 1968 war: "Von der Kunst zu konstruieren".

Die Anfänge

Das besondere Interesse des Lehrstuhlgründers Benoit galt der Konstruktion von Seilschwebebahnen und der Erforschung des Drahtseils als dem "Sonderling" unter den Maschinenelementen. In seinem 1915 herausgegebenen Buch "Die Drahtseilfrage" hat er die damals übliche aber falsche Methode zur Berechnung der Biegespannungen von Drähten in Drahtseilen beim Lauf über Rollen angegriffen und nachgewiesen, daß die Theorie seines Lehrers Reuleaux die richtige war. Diese engagierte Streitschrift gegen den renommierten Maschinenbauprofessor von Bach hatte Benoit und seinen Lehrstuhl über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht und in Karlsruhe für die Drahtseilforschung ein Kompetenzzentrum - so würde man das heute nennen - entstehen lassen. Seine Schüler Woernle, Overlach, Rubin, Dreher und Donandt haben in ihren Dissertationen bzw. Habilitationsschriften Fragestellungen in Verbindung mit dem Drahtseil behandelt und die Drahtseilforschung später als Professoren in Karlsruhe und an den Technischen Hochschulen in Danzig, Stuttgart und München fortgesetzt.

       
Geh. Hofrat Prof. Dr.-Ing. E. h. Georg Benoit
Institutsleiter von 1901 bis 1936
  Benoits Seilprüfmaschine   Titelseite aus Benoits Streitschrift "Die Drahtseilfrage"

Unter der geistigen Führung Benoits wurde 1930 die erste im Umlaufbetrieb arbeitende Personen-Seilschwebebahn gebaut. Diese Bahn auf den Schauinsland bei Freiburg war jahrzehntelang in der ursprünglichen Ausführung in Betrieb und wurde als Modell im Deutschen Museum in die Sammlung der Meisterwerke deutscher Technik aufgenommen. Frühere Entwürfe Benoits für Personen-Seilschwebebahnen, z. B. auf den Aiguille du Midi und auf den Patscherkofel bei Innsbruck wurden nicht ausgeführt, weil die Zeit für diese kühnen Projekte noch nicht reif war.

Seilschwebebahn auf den Schauinsland 1930


Im Jahre 1936 wurde Hans Overlach auf den Lehrstuhl für Hebemaschinen und Transportanlagen der TH Karlsruhe als Nachfolger seines Lehrers, des inzwischen zum geheimen Hofrat ernannten Prof. Dr.-Ing. E.h. Georg Benoit, berufen. Unter der Leitung Overlachs ist eine elektromagnetische Seilprüfeinrichtung zur zerstörungs-freien Prüfung der Drahtseile von Seilbahnen nach den damals neuesten Erkenntnissen gebaut und im praktischen Einsatz erprobt worden. Ferner wurde die bestehende Institutswerkstatt wesentlich erweitert und ein großes Fördertechnikinstitut geplant, das jedoch wegen der Kriegswirren nicht mehr gebaut werden konnte. Als die Hochschule im Jahre 1945 ihre Pforten schloß, mußte auch Prof. H. Overlach seine Tätigkeit nach nur neun Jahren beenden. Von den, für die Zeit des dritten Reichs typischen, hochfliegenden Plänen blieb am Ende nicht viel mehr übrig als das, womit Benoit 44 Jahre zuvor begonnen hatte.

Prof. Dr.-Ing. Hans Overlach
Institutsleiter von 1936 bis 1945